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Das 14-tägiges Tagebuch während der Corona-Krise

Wir schreiben gerade Geschichte, ob wir das wollen oder nicht.
Für die einen ist es eine Zeit größter Herausforderungen, weil sie zu den Berufsgruppen gehören, die in dieser Krise weit über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinaus gehen.

Für die anderen ist es eine Zeit größter Herausforderungen, weil sie durch das Kontaktverbot mehr oder weniger auf ihr Zuhause begrenzt sind; weil sie Kinderbetreuung, Schulunterricht und Homeoffice gleichzeitig bewältigen müssen und unter Umständen alte Eltern haben, um die sie sich jetzt nicht kümmern können, bzw. aus Vorsichtsmaßnahmen nicht dürfen.

Manchmal gerät man in einen Strudel aus Verzweiflung, Angst und Resignation: Kein Geld, keine Perspektive, düstere Zukunftsaussichten. 

Was können Sie tun, um diesem Strudel zu entkommen?

Etwas, dass wir sowohl im Coaching und auch in der Therapie immer wieder mit unseren Klienten und Patienten tun ist, eine Struktur zu erarbeiten.

Eine Struktur ist ein Gerüst, an dem wir uns langhangeln können, das uns Sicherheit geben kann. Ich vergleiche das immer gern mit Stützrädern, die uns geholfen haben, Fahrrad fahren zu lernen, bis wir sie nicht mehr brauchten.

Normalerweise gibt uns unser Alltag eine solche Struktur schon vor, durch die Arbeit, durch die Schule, Freizeitaktivitäten, Arbeitswoche und Wochenende.

Also, für die nächste Zeit: 
1. Erstellen Sie sich eine Struktur, besprechen Sie abends miteinander, wenn Sie in einer Gemeinschaft leben, ob sie so für alle passend ist oder ob noch verbessert werden muss. Wenn Sie allein leben: Prüfen Sie auch hier, ob sie Ihnen und den zu erledigenden Aufgaben gerecht wird oder ob sie verbessert werden muss. 

2. Schreiben Sie Tagebuch! Ganz kurz und prägnant ist schon ausreichend. 
Schreiben Sie jeden Tag auf 
- was war politisch heute los (welche neuen Maßnahmen wurden getroffen)?
- was war heute besonders schwer für mich ( nicht mehr als drei Punkte)?
- was war heute trotz allem schön/ habe ich als Herausforderung geschafft (nicht mehr als drei Punkte)?
- was habe ich aus den heutigen Erfahrungen gelernt und was nehme ich mir dadurch für morgen vor (nicht mehr als eine Maßnahme).

Machen Sie das 14 Tage lang. Sie werden später einmal froh darüber sein, wenn Sie auf diese Zeit zurück blicken. 

Ich werde das auch tun und in meinem Blog zur Verfügung stellen, in meiner neuen Rubrik "Jetzt wird's persönlich".

Es geht los:

Tag 1: Sonntag, den 22.3.2020

- Politisch: Tagesgeschehen: Die Ministerpräsidenten der Länder treffen sich(virtuell) und beschließen ein Kontaktverbot, welches bedeutet, dass nicht mehr als 2 Personen Kontakt haben sollten, die nicht als Gemeinschaft zusammen wohnen.

- Besonders schwer für mich war heute: 1. Kranken Menschen in meinem Umfeld nicht besuchen zu können (habe das dann telefonisch erledigt). 2. Zu sehen, wie das Kontaktverbot doch für einige Familienmitglieder ist. Mehr habe ich heute nicht; es ist ja Sonntag und es gab im Grunde keine alltäglichen Aufgaben zu erledigen.

- Trotz allem schön war heute für mich: 1.Das Wetter! Kalt, aber sonnig. Den Himmel trübt kein Wässerchen, kein Wölkchen! Er strahlt uns an, ich empfinde es als Zuversicht! Überhaupt liebe ich das warme Licht des Frühlings, das um diese Jahreszeit so besonders ist. 2. Nach dem langen, schönen Frühstück, bei dem wir einen Gast mit Hund zu Besuch hatten, hatte ich 3 Stunden für mich allein und bin in der Zwangsruhe noch einmal mehr zur Ruhe gekommen. Dass, was ich mir schon lange vorgenommen hatte, aber durch meinen vollen Alltag nicht wirklich möglich gewesen ist. 3. Der fast zweistündige Spaziergang mit meinem Mann am späten Nachmittag. Bei dem wunderbaren Wetter! Schön zu sehen, dass alle, die wir getroffen haben, einen respektvollen Abstand voneinander hielten.

- Was nehme ich mir für morgen vor? Gelassen zu bleiben und mir eine Aufgabenliste für den Tag zu erstellen.

Tag 2: Montag, den 23.3.2020

- Politisch: Die Maßnahmen für das Kontaktverbot werden meines Erachtens von der Bevölkerung gut aufgenommen. Bundeskanzlerin Merkel steht unter häuslicher Quarantäne, weil sie Kontakt mit einem Arzt hatte, der an dem Corona-Virus erkrankt ist.; der erste Test war jedoch negativ.

- Besonders schwer für mich war heute: 1. In die Länder zu schauen, die medizinisch in keinster Weise so aufgestellt sind, wie wir hier in Deutschland: Zum Beispiel Venezuela. Es sind schlimme Bilder, die uns da erreichen. 2. Der Gedanke an die Menschen in Berufen, die im Moment übermenschliches leisten müssen und danach auch nicht wirklich regenerieren können; denn im Gesundheitswesen läuft alles weiter. 

- Trotz allem schön für mich war heute: 1. Das Wetter!! Ich bin so dankbar, das die Sonne scheint und es nicht regnet. Es macht es aus meiner Sicht leichter, sich an den Zustand zu Hause bleiben zu müssen, zu gewöhnen, als wenn es draußen auch noch grau und regnerisch wäre... 2. Dass ich es geschafft habe, mir eine gute Struktur zu erstellen und so den ganzen Tag sehr produktiv beschäftigt war. 3. Beim Hundespaziergang Menschen treffe, wenn auch auf Abstand, trotzdem schön!

Das nehme ich mir für morgen vor: Die Struktur, die ich mir erstellt habe, weiter aufrecht zu erhalten!!! (Für mich ist das tatsächlich eine Herausforderung)

 

Tag 3: Dienstag, den 24.3.2020

- Politisch: Täglich gibt es neue Zahlen infizierter und neue Zahlen toter Menschen. Die Blicke gehen immer wieder nach China, wo sich die Lage stabilisiert haben soll (laut chinesischer "Medien"); das normale Leben langsam wieder beginnen. Es herrscht Mangel an Schutzkleidung. Großbritannien verhängt eine Ausgangssperre. Das digitale Leben nimmt Fahrt auf.

- Besonders schwer für mich war heute:1. Eigentlich nichts Anderes, was mich in den letzten Tagen auch schon belastet hat: Einsame Menschen, die Quarantäne, unter der viele Menschen seelisch leiden. 2. Doch, der Diebstahl der Schutzkleidung; ich meine, es wären 6 Mio. Stück ... unfassbar.. 3. Furchtbar finde ich die vielen Verschwörungstheoretiker, die dieser Tage so überzeugt unterwegs sind.. furchtbar!

 - Trotz allem schön für mich war heute: 1. Dass meine selbstentwickelte Struktur auch an Tag zwei greift. 2. Das Wetter! Das Wetter! das Wetter! 3. Ich freue mich, dass mir das Zuhause-bleiben-müssen nichts ausmacht. Mein Terminkalender war immer übervoll und nun sind so viele Termine gestrichen, dass die Zeit entstanden ist, langgehegte Projekte endlich angehen zu können. Manchmal frage ich mich, ob ich soviel Nachholbedarf habe, Zeit zu Hause zu verbringen, dass es mir so leicht fällt. So, als ob ein Mangel ausgeglichen werden muss. Vielleicht wird das auch meine neue Lebensform? Immer von zu Hause aus zu arbeiten? ich bin so gespannt, inwieweit diese Krise die Gesellschaft verändern wird. Diese Zwangspause, die jetzt so viele betrifft. 3. Mein erstes Online-Coaching über WhatsApp in Form von Sprachnachrichten, immerhin! 4. Ein Zoom-Meeting vormittags mit meinem Vorstand der Genossenschaft, die wir gemeinsam am gründen sind.Und das neue Format, dass wir gemeinsam entwickelt haben und das nächste Woche digital stattfinden wird.  5. Ein Test-Zoom-Meeting mit einem Teil meiner Fraktion! Es war schön, sie mal wieder zu sehen. 6. Meine Familie komplett dazu haben. 7. Das doch einige Menschen dieses Tagebuch lesen!

Das nehme ich mir für morgen vor: Beim SoVD anrufen und meine Unterstützung anbieten.

 

Tag 4: 25.3.2020

- Politisch: Die Erntehelfer aus dem Ausland haben ein Einreiseverbot bekommen. Man will die Aufgabe nun mit Studenten und Frühruheständlern bewältigen. Die Bauern stehen dem skeptisch gegenüber. Nach China ist Europa das Epi-Zentrum und nun vermutet man, dass die USA das nächste sein werden. Wir verzeichnen in Deutschland den bisher höchsten Anstieg neu infizierter Fälle, die höchste Anzahl der Toten und auch die höchste Anzahl der Genesenen. Die Dunkelziffer wird entsprechend höher sein, von Menschen, die aufgrund der Kapazitäten nicht getestet werden können und Menschen, die so einen schwachen Krankheitsverlauf hatten, dass sie gar nicht gewußt haben, infiziert gewesen zu sein. Es werden erste Stimmen laut, wie es nach der Krise weitergehen könnte. Die Wirtschaft bricht komplett zusammen, man erwartet die bisher größte Welt-Wirtschaftskrise. 

- Besonders schwer für mich war heute: 1. Die Verbreitung kruder Verschwörungstheorien im Netz, via WhatsApp, Facebook und wahrscheinlich noch anderen Kanälen, ärgert mich maßlos! Haben die Leute denn nichts Besseres zu tun? Erschreckend daran ist, dass sie das selber glauben.... gruselig. 2. Zu wissen, dass die häusliche Gewalt durch die Kontaktsperre rapide zunimmt. 3. Die Einsamkeit von sowieso schon einsamen Menschen verstärkt sich.

 - Trotz allem schön für mich war heute: 1. Ich scheine meine ideale Lebensform gefunden zu haben: Von zu Hause aus zu arbeiten, soviel zu Hause sein zu können. Ich tanke richtig auf! Durch die Ruhe fließt wieder Energie in mich hinein und aus mir heraus, ich bin kreativ und voller Tatendrang. 2. Zeit für mich zu haben. Es scheint so, als wäre mein Bedürfnis, zur Ruhe zu kommen, doch viel größer gewesen, als ich es mir tatsächlich eingestanden habe... ich fühle mich in mir wieder mehr Zuhause, das merke ich jetzt und das ist schön für mich. 3. Natürlich: Das Wetter!!!!! Ja, Sonnenschein , wunderschönes Licht. Ich bin absolut dankbar dafür!

Das nehme ich mir für morgen vor: Meine Disziplin aufrecht zu erhalten und mich dabei nicht überzubelasten.

 

Tag 5: 26.3.2020

- Politisch: Die Infektionsrate steigt. Die Toten übersteigen die Kapazität der Beerdigungsunternehmen. Krankenhäuser sind gut vorbereitet. Gesundheitsminister Spahn spricht von der "Ruhe vor dem Sturm". N-Bank überlastet: Die Unternehmen kommen nicht durch, um ihre Kredite zu beantragen.

- Besonders schwer für mich war heute: 1. Zu erfahren, wie groß die Einsamkeit allein lebender Menschen ist: ich habe heute mit dem SoVD telefoniert und meine Unterstützung für Telefongespräche angeboten, für Menschen, denen das jetzt gut tut. ich glaube, bei vielen älteren Menschen fehlt unter Umständen auch das Verständnis für die aktuelle Situation. 2. Zu erfahren, dass die Großzügigkeit des Staates für finanzielle Unterstützung für existenziell bedrohte Unternehmen auch wieder von denen abgegriffen werden wird, die es eigentlich nicht nötig hätten. 3. Dass ich persönlich das Gefühl hatte, in diesen Strudel zu gelangen, mir soviel vor zu nehmen, um mir und meinen Aufgaben selbst wieder hinterher zu laufen. 

 - Trotz allem schön für mich war heute: 1.  ....und trotzdem so viel geschafft zu haben: Ich kümmere mich um einen Online-Kurs, den ich in Zukunft anbieten werde; es macht soviel Spaß, endlich diese Zeit zu haben für die Projekte, die ich schon so lange angehen will. Es gibt mir Energie! 2. Die ersten Online-Coachings laufen an (siehe Angebot unter "Aktuelles") und ich bekomme wirklich gute Feedbacks: Es funktioniert! Es ist schön, etwas Gutes in die "Welt" zu tragen! 3. Das Wetter! War klar, oder?

Das nehme ich mir für morgen vor: Morgen ist Samstag, und damit Wochenende und ich nehme mir vor, NICHTS zu machen! Sondern Kraft zu sammeln, damit es Montag diszipliniert weiter gehen kann!

 

Tag 6: 27.3.2020

- Politisch: Premierminister Johnson ist an Corona erkrankt, Prinz Charles schon zwei Tage länger. Große Unternehmen wie Tesla stellen seit einigen Tagen Atemschutzmasken her. Im Fernsehen gibt es täglich Nachrichten-Sondersendungen; die üblichen Nachrichten werden sehr zurück gedrängt, Corona ist das ständige Thema. Verkauft sich wahrscheinlich jetzt auch am besten. Hamburg mietet ( schon mal eine) Pension an, um Opfer häuslicher Gewalt unterbringen zu können. Die Frauenhäuser dort kommen schon jetzt an ihre Kapazitätsgrenzen. Aus der ganzen Welt findet man Homestories auf Instagram (zum Beispiel, wahrscheinlich noch woanders); viele Prominente, die vorbildlich den Appell "Bleib' Zuhause" in Die Welt teilen.

 

- Besonders schwer für mich war heute: 1. Zu wissen, wie schwer einigen Menschen die Kontaktsperre fällt, auch in meinem engen Freundeskreis. 2. Meinen krebskranken Freund nicht besuchen zu können. Und auch eine krebskranke Freundin, die vor kurzem Witwe  geworden ist und gleichzeitig an Krebs erkrankte. Meine Besuche haben ihr immer so gut getan. Sie ist tapfer! 3. Die wirtschaftliche Situation für so viele Unternehmen. Die berechtigte Angst, die dort herrscht. So viele Beispiele, die man im eigenen Umfeld kennt.

 - Trotz allem schön für mich war heute: 1. Ganz ehrlich? Das hier doch so einige mitlesen! ich hoffe, dass sich einige anschließen und ebenfalls ein Tagebuch schreiben. Ich bin mir sicher, dass man später gern drauf zurück schaut: "Ach ja, stimmt... das war ja auch!

2. Ich komme vorwärts mit meinen Plänen. Die Sorge, die ich am Tag zuvor hatte, mich wieder zu überladen, ist weg. Ich habe um 14.30h Feierabend gemacht, zu Essen gekocht und einen Film mit meiner Tochter und unseren zwei Hunden angeschaut: Susi und Strolch, genau, auf Disney+. Und warum genau diesen Film? Wegen unserer beiden Schnauzer! Wir haben festgestellt, dass es seit 2019 eine Neuverfilmung gibt, mit "echten Menschen"... ich glaube , die ist dann morgen dran.. 3. Ich, bzw. mein Coaches hat festgestellt, dass Coaching via WhatsApp sehr gut funktioniert. Sie schriebt oder spricht auf und von mir gibt es eine Sprachnachricht als Antwort. Sie sagte "Ich brauche mir keine Gedanken zu machen, um alles, was um mich herum ist, wie ich sitze, was andere machen, sondern ich kann mich einfach auf deine Stimme konzentrieren und das, was du mir sagst." Diese Information ist für mich sehr wertvoll und ich empfinde das auch so und werde diese Variante mit aufnehmen. Sehr cool! 3. Mein Sohn sagte heute zu mir: "Mama, ich liiiiiebe Home-Office!", Ers spricht mir voll aus dem Herzen! 4. Das Wetter!! Es ist immer noch sonnig, herrliches Licht, eher kalt, aber die Sonne hat schon Kraft. Ich genieße es, ab Sonntag soll es dann regnen. Jetzt hatten wir noch vor zwei Wochen so dermaßen viel Regen, dass alles überall komplett aufgeweicht war und jetzt ist es schon fast wieder zu trocken. 

Das nehme ich mir für morgen vor: Den Wocheneinkauf und dann: Nichts! Das Wochenende zu genießen!