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Blut, Schweiß und Tränen und was wir von uns lernen können

Es war schon früher in der Schule so: Wir sollten einen Aufsatz schreiben... und auf den letzten Drücker wurde ich fertig. Das Muster damals wie heute: Die Idee ist da und die Freude über die Idee und dann, kurz vor der Ekstase, kommt der kleine, bittersüße Zweifler und sagt: Das muss aber gut werden! Und dann ist es vorbei. Null Kreativität, nur Angst vor dem Nicht-Können, der Angst vor dem Versagen. Und dann, kurz vor der Abgabe der Überlebenswille und es wird dann - doch noch - gut. Erleichterung, geschafft, vergessen. Bis zum nächsten Mal.

 

Aber der Reihe nach. 

 

Es herrscht die Corona-Krise. Alle Coachings wurden abgesagt, alle Vorträge, alle politischen Termine.

Ich habe Zeit. Zeit, endlich mal meine ganzen Dinge anzugehen. Vom Aufräumen über Aufarbeiten bis hin zu den Projekten, denen ich mich als Coach schon so lange widmen möchte, aber in den letzten zwei Jahren dazu keine Zeit  hatte. Ich gehe es an, bin im Flow, schaffe etwas, bin zufrieden, super!.

Dann kam es: Das tolle Angebot von Marike Frick: "Ratz, fatz einen Online-Kurs erstellen."

Oh ja! Online-Kurs, das wollte ich sowieso, steht auf meiner Liste. Ratz-fatz? Umso besser! Eine Nacht noch drüber schlafen, und dann, zack, gekauft. 

Es ist Freitag. Ich freue mich auf's Loslegen. Erzähle meiner besten Freundin, dass ich bereits übermorgen einen Online-Kurs anbieten werde. Sie bemerkt, dass ein  kreativer Prozess durchaus ein paar Tage Entwicklung braucht und sie sich nicht vorstellen kann, dass das schon am Sonntag soweit sein wird... Aber gut, warum nicht. 

Ich denke 'papperlapapp', ich muss doch bloß diese drei mitgelieferten Playbooks ausfüllen und los. Ist ja schließlich alles strukturiert. Gesagt, getan.

Es ist Montag. Das wird nie was. Im Playbook Nummer 2 stand er, dieser eine Satz: Dieser Text ist immens wichtig! 

Der kleine, bittersüße Zweifler ist da, die Wunde aktiviert, der Finger liegt fest und sicher drin. Und ich?  Null Kreativität. Versagensangst. Alles auf Null. "Schön Geld in den Sand gesetzt!" und, ja, leider auch: "Wer bist du, das su glaubst, du kannst das einfach so? Ts." Ts. Alte Muster, alte Schmerzen. Mein Angebotstext kam mit der sehr wertschätzenden Antwort meiner besten Freundin zurück: "Ich weiß nicht, was du meinst..." Ich erkläre es ihr. Sie meint, genau, dann schreib' das da rein. Okay, das versuche ich ja, aber wie denn? Von Marike Frick kam ein ähnliches Feedback. Es ist jetzt Dienstag. So habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.  Wann war es das letzte Mal? Ach ja, vor zehn Jahren, als ich ein Bild gemalt habe, eine Auftragsarbeit. Und ich da auch immer den Punkt hatte: Jetzt storniere ich den Auftrag, das wird ja nie was! Ich entschuldige mich und werde nie wieder ein Bild malen. Was war passiert damals (und das bei jedem Bild)? Kurz bevor ich aufgegeben habe, kam meine innere Kämpferin und hat gesagt: Das schaffen ich. Das wäre doch gelacht, ich gebe doch nicht auf!

Und jedes Mal wurde es etwas und jedes Mal war ich zufrieden und der Kunde auch. So erging es mir mit jedem Vortrag, mit jedem neuen Workshop. Und jedes Mal ging es gut. Lerneffekt: Ich kann mich auf mich verlassen. Immer. Tief in mir drinnen habe ich einen sehr guten Selbsterhaltungstrieb. Er ist meine eigene, sichere Bank.

Außer diesem Mal natürlich. Dieses Mal ist alles anders. Nachdem Sonntag und Montag schon schlimm waren, war es eben heute, am Dienstag am allerschlimmsten. Ich gebe das auf. Ich kann nicht immer alles gut machen, auch ich nicht. Versagen gehört zum Leben. Ich kann ja dann später darüber berichten. Ich akzeptiere das jetzt.

Wenn es mir schlecht geht, dann werde ich weicher. Ich teile mich mit. Meiner besten Freundin. Und sie hatte -mal wieder- so viele wunderbare Worte für mich. Hat so klug gesagt:"Nein, es ist doch völlig normal, dass man in diesem Prozess an diesen Punkt kommt. Ehrlich gesagt, hätte es mich gewundert, wenn du das so durchgezogen hättest. Das ist dein neues Baby. Und wenn man ein Baby zur Welt bringt, ist das immer auch mit Schmerzen verbunden." Aha.

Ich beschließe, das Aufgeben auf morgen zu verschieben. Ich steige auf meine Yoga-Matte. 15 Minuten mit Ursula Karven. 

Ich fühle mich leichter. 

Mittwoch. Es geht mir besser. ich werde nicht aufgeben, sondern es so lange neu schrieben, bis es richtig ist. Bis ich es verstanden habe. Ich habe einen wunderschönen kreativen Tag, bin im Flow, gebe meinen überarbeiteten Angebotstext ab. Ich bekomme ihn noch zweimal zurück bis er dann am Sonntag, bei der finalen Bearbeitung durch meinen Coach Marike Frick, abgesegnet wird. Ich bin alle Tage entspannt. Es ist gut geworden. Ich bin zufrieden, meine beste Freundin sowieso und Marike Frick wahrscheinlich auch. Montag erstelle ich also meine Veranstaltung auf Eventbrite und fertig. 10 Tage hat es gedauert. Längst vergessene und verdrängte Muster tauchten auf. Und vergingen wieder. Eine Chance, dem zu entkommen? Rückblickend? Nein, ich glaube nicht. Beim nächsten Mal, wenn ich über mich hinauswachsen muss, wird es wieder so sein. Und wieder werde ich denken: Dieses Mal schaffe ich das nicht. Bis ich es dann doch schaffe. All mein Wissen über mich, meiner Strukturen, wird mich nicht davor beschützen. 

Und trotzdem werde ich es wieder tun. Weil die Neugierde stärker ist: Weil ich eben auch weiß: Es kann etwas werden, probiere ich es aus! Dies ist auch eine Verlässlichkeit. Es ist gut, seine eigenen Muster zu kennen. Und trotzdem kann man sich immer wieder selbst auf den Leim gehen. Und es kann passieren, dass irgendein Projekt wirklich mal etwas nix wird. Auch das gehört dazu. Eine neue Lebenserfahrung. Hinfallen ist erlaubt. Liegen bleiben nicht. 

 

P.S. Natürlich gab und gibt es Dinge in meinem Leben, die mir nicht gelingen. Und seltsamerweise interessiert mich das nach einer kurzen Zeit  des Trauerns und Bedauerns nicht mehr. Abgehakt, das Nächste bitte. Das fällt mir gerade auf, während ich das hier schreibe. Gut zu wissen. Und hoffentlich vergesse ich es nicht wieder ;-)